Interview | Zurück zum Pastell

Interview | Zurück zum Pastell, Prag hat Richard Swartz fürs Leben geprägt. Aber die Stadt, die er kannte, gibt es nicht mehr

Zurück zum Pastell

Richard Swartz erzählt in Austern in Prag von seiner Zeit in der Tschechoslowakei kurz nach der sowjetischen Invasion 1968. Der ehemalige Osteuropa-Korrespondent, der in Stockholm, Wien und im kroatischen Sovinjak zu Hause ist, ist auch ein guter Gesprächspartner, wenn es um das heutige Europa und seine Probleme geht.

der Freitag: Herr Swartz, wann waren Sie zuletzt in Prag?

Richard Swartz: Ich fahre nicht mehr oft dorthin.

Warum nicht?

Na ja. Man sollte sich nicht mit der eigenen Jugend konfrontieren. Es endet allzu oft in Nostalgie und Kitsch. So dachte auch Joseph Brodsky, der Leningrad, den Ort seiner Jugend, später nicht mehr besuchte.

Sie kamen 1968 durch einen Kulturaustausch nach Prag. Was war anders als heute?

Damals konnte ich über die Karlsbrücke gehen und war der Einzige. Wenn ich später zurückging, war ich wieder der Einzige auf der Brücke. Prag ist heute eine pastellfarben restaurierte, kulissenhafte Stadt. Vollgestopft mit Touristen und Zugereisten. Das ist in Ordnung, aber nicht mein Prag.

Eine Stadt, wo es nach Kohle, „Schimmel und feuchtem Mauerwerk“ roch, war also besser?

Nein, alles ist heute besser. Aber ich bin nicht mehr jung!

Das Prag von heute möchte die europäische Metropole sein, die es bis in die 1930er war. Die Stadt, die Sie beschreiben, wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Die „normalizace“ nach Niederschlagung des Prager Frühlings hatte etwas buchstäblich Konservatives. Sie hat alles eingefroren, auch gewisse Lebensformen. Prag war auch ein Museum. Da standen zum Beispiel überall Autos aus den 30ern und 40ern, so wie heute auf Kuba die Autos aus den 50ern. Eine Erinnerung à la Proust aus einer besseren Zeit.

Sie schreiben, dass Prag „oft an jene erinnert, die nicht mehr hier sind, und daran, warum sie es nicht mehr sind“.

Ja. Die Abwesenden sagen mehr über eine Stadt wie Prag aus als die Anwesenden. Die Juden waren ermordet worden, die Deutschen vertrieben. Menschen aus der, sagen wir, besseren Gesellschaft waren ausgewandert.

Und damit war Prag weit entfernt davon, was es einmal war?

Man kann sich Prag wohl nicht ohne Franz Kafka vorstellen. Nicht ohne die große tschechische Musik, die deutsche Literatur. Es war der Inbegriff von Multikulturalität.

Und Kafka ist ohne das multikulturelle Prag undenkbar.

Eben. Dieser diskrete, scheue, eher misanthropische Mensch muss heute für Tourismus werben. Tragikomisch.

Prag war für Sie auch eine Flucht vor den Erwartungen Ihres Vaters. Da muss man gleich wieder an Kafka denken, an seinen „Brief an den Vater“.

Schön, dass Sie das sagen. Daran habe ich nicht gedacht. 1968 hatte ich Militärdienst gemacht und einen Abschluss von der Handelshochschule in Stockholm in der Tasche. Die Leute aus der Industrie standen Schlange, um uns eine Anstellung zu geben. Ich war 22, sah Büro, Kinder und die Pflichten eines Familienvaters auf mich zukommen.

Das wollten Sie noch nicht?

Mit 22? Nein! Da muss man flüchten! Und ich hatte mich ja schon gefügt. Mein Vater hatte gesagt: „Kannst du nicht wenigstens Diplomkaufmann werden, dann hast du eine Versicherung fürs Leben“. So wie Hermann Kafka wahrscheinlich zu seinem Sohn gesagt hat: „Lass das Schreiben, das kannst du in deiner Freizeit tun.“ Dieser Terror der Väter! Ein Drama, wenn man jung ist.

Sind Sie ein 68er?

Man kann sich dem Zeitgeist nicht entziehen. Insofern war ich dabei. Aber die politischen Vorstellungen habe ich nie geteilt. Für mich waren alle diese Ismen Katastrophen. Ich war ein langweiliger Empiriker, und das wenige, was ich von Osteuropa wusste, war abschreckend.

Und dann haben Sie sich ausgerechnet Prag für Ihre Flucht ausgesucht?

Ich hatte eine Schwäche für Europa, was damals nicht sehr populär war. Prag konnte es nicht mit Kuba oder China aufnehmen. Und ich war neugierig, was nach der Invasion dort los war.

Zur Person

Richard Swartz, Jahrgang 1945, war Osteuropa-Korrespondent in Wien für das Svenska Dagbladet. 1997 veröffentlichte er Room Service. Geschichten aus Europas Nahem Osten (Eichborn). Austern in Prag (übersetzt von Andrea Fredrikson-Zederbauer) erschien 2019 bei Zsolnay

Und was war dort los?

Selbst die, die mehr oder weniger gezwungen waren, das Ganze zu verwalten, hatten sämtliche Illusionen über den Sozialismus verloren. Das habe ich schnell herausgefunden. Die Tschechen waren paradoxerweise bessere Europäer als die Westeuropäer. Die wussten, was sie verloren hatten.

Was genau hatten sie verloren?

Vor allem die Freiheit. Und konkret die Beziehung zu den Menschen auf der anderen Seite der Grenze. Sie konnten ja nicht frei reisen. Die haben die 68er im Westen mit Entsetzen gesehen, wie die getrommelt haben gegen die parlamentarische Demokratie. Aus osteuropäischer Sicht war das nicht nur naiv, sondern zynisch.

Osteuropa lies Sie nie los.

„Mutter Prag hat Krallen“, sagt Kafka. Oder man könnte vielleicht von einer schleichenden Krankheit sprechen. Ohne Hoffnung auf Genesung.

Manche vergleichen die EU von heute mit Österreich-Ungarn. Sehen Sie diese Analogie?

Warum nicht? Der alte Kaiser könnte heute aus dem Grab aufstehen, sich umschauen und seufzen: „Ich kenne das.“

Was würde er wiedererkennen?

Habsburg hatte sich ähnlichen Problemen zu stellen wie die EU. Viele könnte man wahrscheinlich besser verstehen, wenn man sich in der modernen Habsburger Geschichte auskennen würde. Aber das tun nur Spezialisten. Und es würde ja nicht heißen, dass man automatisch Lösungen hätte.

Welche Probleme sind das?

Wie kann man verschiedene kleinere Gesellschaften in etwas Größeres umbauen, wenn die sich in dieser nationalen Form befinden und darauf beharren? In Osteuropa kommt hinzu: Wie demokratisiert man eine Gesellschaft, die keine oder kaum demokratische Traditionen kennt?

Der Politologe Ivan Krăstev sagt, Osteuropa sei nach 1989 gehalten gewesen, den Westen zu imitieren. Das habe zu Ressentiments auf beiden Seiten geführt.

Ich würde es anders sagen. Im Osten wollte man ein sogenanntes normales Leben. Im Westen hat man oberflächlich gedacht: „Die wollen Freiheit und Demokratie.“ Also dann, hier ist die Gebrauchsanweisung: Institutionalisierte Marktwirtschaft plus parlamentarische Demokratie macht ein sogenanntes normales Leben. Die Osteuropäer wollten zwar dieses normale Leben, aber die kamen aus Feudalismus, Weltkrieg und Kommunismus. Demokratie hatte keine Tradition. Nur die Tschechen und Slowaken kannten das ein wenig und – notabene – auch Ostdeutschland, die DDR. Tomaten auf einem Markt verkaufen, das konnten ja alle. Aber was Marktwirtschaft als Institution bedeutet, war etwas anderes.

Also zurück zur Nation?

Man sieht in Brüssel eigentlich nur den Vormund, den großen Besserwisser, das imperiale Zentrum wie früher Moskau oder Wien. Das geht aber nicht zusammen mit den nationalistischen Ambitionen.

Sie leben schon lange in Kroatien. Wie war es nach dem Zerfall Jugoslawiens?

Als Jugoslawien 1919 gegründet wurde, hatten viele gehofft, es komme die Europäisierung des Balkans. Aber es kam die Ottomanisierung.

Das müssen Sie erklären.

Kroatien und Slowenien und später Bosnien waren ja unter Habsburg. Aber der Hauptteil des Balkans war viel länger ottomanisch geprägt. Trotzdem war unsere Vorstellung, dass Jugoslawien liberaler und fortschrittlicher sei als die Staaten im Ostblock.

Das war es nicht?

Äußerlich schon. Aber die Traditionen im alten Jugoslawien waren eben von Feudalismus, Nepotismus und Bakschisch, also Korruption, geprägt. Jugoslawien war auch ein ausgeprägter Polizeistaat, wie es Polen zum Beispiel im Vergleich nicht war.

Es gab Reisefreiheit.

Tito selbst war ja ein alter Habsburger. Er hatte verstanden, dass man kleine Freiheiten bieten musste. Gute Jobs gab es nicht. Die Leute sollten deshalb ruhig ihr Geld im Westen verdienen und dann zurückkommen können. Die haben ja dann alle ein Haus in der Heimat gebaut und sich alle in der Diktatur zufrieden pensionieren lassen. Hätte man mal in der Tschechoslowakei oder Ungarn machen sollen. Die wären nie zurückgekommen.

Die Gesellschaft war moderner?

Ja. Es gab in Prag bürgerliche Schichten, die in Jugoslawien nur in Ansätzen existierten. Auch den schlimmsten Stalinismus hatten die irgendwann überstanden.

In den Teilrepubliken Ex-Jugoslawiens macht sich eine „Titostalgie“ breit. Wie kommt das?

Das hat etwas mit meinem Prag zu tun. Natürlich war es unter Tito oft genug besser als heute. Und die Jugonostalgiker waren, wie ich in Prag, damals jünger.

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

, Prag hat Richard Swartz fürs Leben geprägt. Aber die Stadt, die er kannte, gibt es nicht mehr

Zurück zum Pastell

Richard Swartz erzählt in Austern in Prag von seiner Zeit in der Tschechoslowakei kurz nach der sowjetischen Invasion 1968. Der ehemalige Osteuropa-Korrespondent, der in Stockholm, Wien und im kroatischen Sovinjak zu Hause ist, ist auch ein guter Gesprächspartner, wenn es um das heutige Europa und seine Probleme geht.

der Freitag: Herr Swartz, wann waren Sie zuletzt in Prag?

Richard Swartz: Ich fahre nicht mehr oft dorthin.

Warum nicht?

Na ja. Man sollte sich nicht mit der eigenen Jugend konfrontieren. Es endet allzu oft in Nostalgie und Kitsch. So dachte auch Joseph Brodsky, der Leningrad, den Ort seiner Jugend, später nicht mehr besuchte.

Sie kamen 1968 durch einen Kulturaustausch nach Prag. Was war anders als heute?

Damals konnte ich über die Karlsbrücke gehen und war der Einzige. Wenn ich später zurückging, war ich wieder der Einzige auf der Brücke. Prag ist heute eine pastellfarben restaurierte, kulissenhafte Stadt. Vollgestopft mit Touristen und Zugereisten. Das ist in Ordnung, aber nicht mein Prag.

Eine Stadt, wo es nach Kohle, „Schimmel und feuchtem Mauerwerk“ roch, war also besser?

Nein, alles ist heute besser. Aber ich bin nicht mehr jung!

Das Prag von heute möchte die europäische Metropole sein, die es bis in die 1930er war. Die Stadt, die Sie beschreiben, wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Die „normalizace“ nach Niederschlagung des Prager Frühlings hatte etwas buchstäblich Konservatives. Sie hat alles eingefroren, auch gewisse Lebensformen. Prag war auch ein Museum. Da standen zum Beispiel überall Autos aus den 30ern und 40ern, so wie heute auf Kuba die Autos aus den 50ern. Eine Erinnerung à la Proust aus einer besseren Zeit.

Sie schreiben, dass Prag „oft an jene erinnert, die nicht mehr hier sind, und daran, warum sie es nicht mehr sind“.

Ja. Die Abwesenden sagen mehr über eine Stadt wie Prag aus als die Anwesenden. Die Juden waren ermordet worden, die Deutschen vertrieben. Menschen aus der, sagen wir, besseren Gesellschaft waren ausgewandert.

Und damit war Prag weit entfernt davon, was es einmal war?

Man kann sich Prag wohl nicht ohne Franz Kafka vorstellen. Nicht ohne die große tschechische Musik, die deutsche Literatur. Es war der Inbegriff von Multikulturalität.

Und Kafka ist ohne das multikulturelle Prag undenkbar.

Eben. Dieser diskrete, scheue, eher misanthropische Mensch muss heute für Tourismus werben. Tragikomisch.

Prag war für Sie auch eine Flucht vor den Erwartungen Ihres Vaters. Da muss man gleich wieder an Kafka denken, an seinen „Brief an den Vater“.

Schön, dass Sie das sagen. Daran habe ich nicht gedacht. 1968 hatte ich Militärdienst gemacht und einen Abschluss von der Handelshochschule in Stockholm in der Tasche. Die Leute aus der Industrie standen Schlange, um uns eine Anstellung zu geben. Ich war 22, sah Büro, Kinder und die Pflichten eines Familienvaters auf mich zukommen.

Das wollten Sie noch nicht?

Mit 22? Nein! Da muss man flüchten! Und ich hatte mich ja schon gefügt. Mein Vater hatte gesagt: „Kannst du nicht wenigstens Diplomkaufmann werden, dann hast du eine Versicherung fürs Leben“. So wie Hermann Kafka wahrscheinlich zu seinem Sohn gesagt hat: „Lass das Schreiben, das kannst du in deiner Freizeit tun.“ Dieser Terror der Väter! Ein Drama, wenn man jung ist.

Sind Sie ein 68er?

Man kann sich dem Zeitgeist nicht entziehen. Insofern war ich dabei. Aber die politischen Vorstellungen habe ich nie geteilt. Für mich waren alle diese Ismen Katastrophen. Ich war ein langweiliger Empiriker, und das wenige, was ich von Osteuropa wusste, war abschreckend.

Und dann haben Sie sich ausgerechnet Prag für Ihre Flucht ausgesucht?

Ich hatte eine Schwäche für Europa, was damals nicht sehr populär war. Prag konnte es nicht mit Kuba oder China aufnehmen. Und ich war neugierig, was nach der Invasion dort los war.

Zur Person

Richard Swartz, Jahrgang 1945, war Osteuropa-Korrespondent in Wien für das Svenska Dagbladet. 1997 veröffentlichte er Room Service. Geschichten aus Europas Nahem Osten (Eichborn). Austern in Prag (übersetzt von Andrea Fredrikson-Zederbauer) erschien 2019 bei Zsolnay

Und was war dort los?

Selbst die, die mehr oder weniger gezwungen waren, das Ganze zu verwalten, hatten sämtliche Illusionen über den Sozialismus verloren. Das habe ich schnell herausgefunden. Die Tschechen waren paradoxerweise bessere Europäer als die Westeuropäer. Die wussten, was sie verloren hatten.

Was genau hatten sie verloren?

Vor allem die Freiheit. Und konkret die Beziehung zu den Menschen auf der anderen Seite der Grenze. Sie konnten ja nicht frei reisen. Die haben die 68er im Westen mit Entsetzen gesehen, wie die getrommelt haben gegen die parlamentarische Demokratie. Aus osteuropäischer Sicht war das nicht nur naiv, sondern zynisch.

Osteuropa lies Sie nie los.

„Mutter Prag hat Krallen“, sagt Kafka. Oder man könnte vielleicht von einer schleichenden Krankheit sprechen. Ohne Hoffnung auf Genesung.

Manche vergleichen die EU von heute mit Österreich-Ungarn. Sehen Sie diese Analogie?

Warum nicht? Der alte Kaiser könnte heute aus dem Grab aufstehen, sich umschauen und seufzen: „Ich kenne das.“

Was würde er wiedererkennen?

Habsburg hatte sich ähnlichen Problemen zu stellen wie die EU. Viele könnte man wahrscheinlich besser verstehen, wenn man sich in der modernen Habsburger Geschichte auskennen würde. Aber das tun nur Spezialisten. Und es würde ja nicht heißen, dass man automatisch Lösungen hätte.

Welche Probleme sind das?

Wie kann man verschiedene kleinere Gesellschaften in etwas Größeres umbauen, wenn die sich in dieser nationalen Form befinden und darauf beharren? In Osteuropa kommt hinzu: Wie demokratisiert man eine Gesellschaft, die keine oder kaum demokratische Traditionen kennt?

Der Politologe Ivan Krăstev sagt, Osteuropa sei nach 1989 gehalten gewesen, den Westen zu imitieren. Das habe zu Ressentiments auf beiden Seiten geführt.

Ich würde es anders sagen. Im Osten wollte man ein sogenanntes normales Leben. Im Westen hat man oberflächlich gedacht: „Die wollen Freiheit und Demokratie.“ Also dann, hier ist die Gebrauchsanweisung: Institutionalisierte Marktwirtschaft plus parlamentarische Demokratie macht ein sogenanntes normales Leben. Die Osteuropäer wollten zwar dieses normale Leben, aber die kamen aus Feudalismus, Weltkrieg und Kommunismus. Demokratie hatte keine Tradition. Nur die Tschechen und Slowaken kannten das ein wenig und – notabene – auch Ostdeutschland, die DDR. Tomaten auf einem Markt verkaufen, das konnten ja alle. Aber was Marktwirtschaft als Institution bedeutet, war etwas anderes.

Also zurück zur Nation?

Man sieht in Brüssel eigentlich nur den Vormund, den großen Besserwisser, das imperiale Zentrum wie früher Moskau oder Wien. Das geht aber nicht zusammen mit den nationalistischen Ambitionen.

Sie leben schon lange in Kroatien. Wie war es nach dem Zerfall Jugoslawiens?

Als Jugoslawien 1919 gegründet wurde, hatten viele gehofft, es komme die Europäisierung des Balkans. Aber es kam die Ottomanisierung.

Das müssen Sie erklären.

Kroatien und Slowenien und später Bosnien waren ja unter Habsburg. Aber der Hauptteil des Balkans war viel länger ottomanisch geprägt. Trotzdem war unsere Vorstellung, dass Jugoslawien liberaler und fortschrittlicher sei als die Staaten im Ostblock.

Das war es nicht?

Äußerlich schon. Aber die Traditionen im alten Jugoslawien waren eben von Feudalismus, Nepotismus und Bakschisch, also Korruption, geprägt. Jugoslawien war auch ein ausgeprägter Polizeistaat, wie es Polen zum Beispiel im Vergleich nicht war.

Es gab Reisefreiheit.

Tito selbst war ja ein alter Habsburger. Er hatte verstanden, dass man kleine Freiheiten bieten musste. Gute Jobs gab es nicht. Die Leute sollten deshalb ruhig ihr Geld im Westen verdienen und dann zurückkommen können. Die haben ja dann alle ein Haus in der Heimat gebaut und sich alle in der Diktatur zufrieden pensionieren lassen. Hätte man mal in der Tschechoslowakei oder Ungarn machen sollen. Die wären nie zurückgekommen.

Die Gesellschaft war moderner?

Ja. Es gab in Prag bürgerliche Schichten, die in Jugoslawien nur in Ansätzen existierten. Auch den schlimmsten Stalinismus hatten die irgendwann überstanden.

In den Teilrepubliken Ex-Jugoslawiens macht sich eine „Titostalgie“ breit. Wie kommt das?

Das hat etwas mit meinem Prag zu tun. Natürlich war es unter Tito oft genug besser als heute. Und die Jugonostalgiker waren, wie ich in Prag, damals jünger.

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

, , Mladen Gladić, {authorlink}, https://www.freitag.de/kultur/@@RSS, Kultur, , 5th June 2019,